Das aktuelle Interview
Implantatversorgung unter Fallpauschalen-Druck: Wie werden die Patientenbedürfnisse gewährleistet?

Seit einem Jahr wird für stationäre Spitalaufenthalte in der ganzen Schweiz mit Fallpauschalen abgerechnet. Dieses neue System kurbelt den Wettbewerb an und verändert damit auch die Einkaufssituation in den Spitälern. Was bedeutet das für Implantat-Patienten? Interview mit Matthias P. Spielmann, CEO der Schulthess Klinik.
1. Die Schweizerische Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie behauptet, dass gewisse Spitäler ihre Chirurgen zwingen, den Patienten aus Kostengründen nicht optimal scheinende oder ihnen nicht vertraute Implantate einzusetzen. Was sagen Sie dazu?
Als profunder Kenner der Orthopädie in der Schweiz sehe ich derzeit (noch) keine solche Entwicklung und kann mir nicht vorstellen, dass es in unserem Land Spitäler gibt, die ihre Ärzte zu einem solchen Verhalten anweisen. Auch seitens der Medizintechnik wird mir immer wieder gesagt, die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Spitälern sei einzigartig in der Schweiz und zwar im positiven Sinne. Was jedoch sicher passiert: Durch das neue Fallpauschalen-System geben die Spitalleitungen den ökonomischen Druck auch an die Ärzte weiter. Diese müssen sich heute stärker als früher mit Fragestellungen befassen wie: Braucht eine 84-jährige Patientin ein künstliches Kniegelenk, das genauso lange hält – und darum seinen Preis hat – wie ein 50-jähriger, sportlich aktiver Patient? Hier ist auch die Medizintechnik gefordert, die Ärzte entsprechend zu beraten, um sinnvolle Kosten-Nutzen-Ergebnisse zu erzielen. Wir in der Schulthess-Klinik haben diese Art der Zusammenarbeit mit der Industrie schon lange vor dem Fallpauschalen-Zeitalter etabliert.
2. Wer soll aus Ihrer Sicht idealerweise bestimmen, welches Implantat einem Patienten eingesetzt wird und warum?
Diese Verantwortung soll in letzter Konsequenz der operierende Arzt tragen und niemand anders. Aber er soll dabei auch die Einkaufs-Strategie der Spitalleitung berücksichtigen. Hier haben sicher noch einige Spitäler Nachholbedarf. Schweizer Spitäler arbeiten nach wie vor mit europäischen und amerikanischen Produktanbietern zusammen und haben meines Erachtens trotz den hohen Preisen keine Veranlassung, beispielsweise auf Produkte aus Indien auszuweichen. Zentral ist einfach eine partnerschaftliche Zusammenarbeit sowohl zwischen Spital und Anbietern als auch zwischen der Spitalleitung und den Ärzten. Nur wenn alle ihr Wissen vernetzen, können die bestmöglichen Preis-Leistungs-Varianten beim Einkauf von medizinischen Produkten und bei den Therapien gefunden werden. Diese Entwicklung haben jedoch noch nicht alle Zuständigen so ganz begriffen.
3. Wie sieht die Realität aus, seit vor einem Jahr flächendeckend mit Fallpauschalen abgerechnet wird?
Die Schulthess Klinik hat bereits 2005 Fallpauschalen eingeführt und daher kann ich aus Erfahrung berichten: Das neue System ist nicht so schlecht. Dessen Umsetzung braucht einfach noch etwas Zeit, es ist ja als „lernendes“ System angelegt. Ein grosser Nachteil ist die Aufnahme von neuen Therapien ins Fallpauschalen-System. Dies ist extrem kompliziert und dauert viel zu lange. Was wir auch beobachten: Schwere Fälle werden immer mehr in grossen Zentrumsspitälern behandelt. Diese Entwicklung hängt jedoch auch damit zusammen, dass die Patienten selbst sich immer mehr mit den angebotenen Therapien und der Qualität der Spitäler auseinandersetzen und sich dank den gefallenen Kantonsgrenzen dort einweisen lassen können, wo die medizinischen Resultate für ihre benötigte Therapie nachweislich besonders gut ausfallen.
4. Worauf sollten Patienten in diesem veränderten Umfeld achten?
Patienten sollten prüfen, dass die Austrittsplanung, die ebenfalls Sache des Spitales ist, früh genug gemacht wird. Denn bei kürzeren Spitalaufenthalten wird die Rehabilitationsphase umso wichtiger. In der Regel müssen Patienten dafür einen Fragebogen ausfüllen. Zudem sollten sich Patienten der Tatsache bewusst sein, dass sie heutzutage nicht mehr das Beste vom Besten erhalten ohne medizinische Notwendigkeit, bloss weil sie der Meinung sind, sie hätten jahrelang hohe Prämien gezahlt und jetzt einmal „Ferien im Hotel Spital“ zu Gute. Schliesslich entspricht die Erwartungshaltung von Patienten nicht mehr den heutigen Möglichkeiten: So sind heutzutage die Liegedauern viel kürzer als früher und zwar nicht, um zu sparen oder Patienten sogar „blutig“ zu entlassen. Sondern ganz einfach darum, weil die Operations-Methoden beispielsweise dank minimalinvasiven Techniken sich so stark verbessert haben, dass sie den Heilungsprozess entsprechend verkürzen. Die Tatsache, dass die Spitäler heute mittels Fallpauschalen finanziert werden, ist auch eine Folge des medizinischen Fortschrittes.
5. Offensichtlich tun sich einige Spitäler mit der neuen Spitalfinanzierung – insbesondere in der Implantationsmedizin – schwerer als andere. Was ist Ihrer Ansicht nach das Erfolgsrezept erfolgreicher Spitäler?
Die Spitäler haben jetzt die Herausforderung, dass Implantate Bestandteil einer Pauschale sind, während sie früher diese Produkte separat verrechnen konnten. Erfolgreiche Spitäler müssen also ihre Prozesskosten kennen und permanent optimieren. Dazu sollten auch die Ärzte im Rahmen ihrer Verantwortung beitragen. So frage ich beispielweise meine Teams: „Braucht ihr wirklich acht so teure Schrauben, um eine Wirbelsäule zu stabilisieren, oder gibt es eine günstigere und gleich wirksame Alternative?“ Ärzte müssen also auf solche Fragen sensibilisiert werden. Dabei darf die Behandlungsqualität nie zur Diskussion stehen, das können sich Spitäler nur schon aus Wettbewerbsgründen nicht leisten. Denn wenn sich in einem Spital plötzlich die Komplikationen häufen, spricht sich das schnell herum.













