Das aktuelle Interview

Von der Spitzenmedizin zur Routine

Medizinische Eingriffe mit Implantaten sind eine Schweizer Erfolgsgeschichte, vor allem auch in der Therapie von Erkrankungen des Herzens. Warum neue Entwicklungen nicht nur für die Patienten, sondern auch für den Forschungsstandort Schweiz enorm wichtig sind, lesen Sie im Interview mit Prof. Dr. med. Thomas Lüscher, Klinikdirektor der Kardiologie am UniversitätsSpital Zürich.

Implantate Schweiz: Was bedeutet der Begriff Spitzenmedizin wenn es um Therapien geht, bei denen Implantate zum Einsatz kommen? Ist Spitzenmedizin mit Innovation gleichzusetzen?
Prof. Lüscher: Spitzenmedizin ist immer mit Innovation verbunden, also mit der Forschung und Erprobung von neuen Behandlungskonzepten, Medikamenten und Implantaten. Im Bereich der medizinischen Implantate findet derzeit viel mehr Innovation statt als bei den Medikamenten. Beispielsweise bei den katheterbasierten Herzklappen-Eingriffen oder neuen Eingriffen, mit denen auch strukturelle Herzerkrankungen (z.B. Vorhofseptumdefekt, Mitralklappenstenosen) behandelt werden können. Ein wichtiger innovativer Aspekt sind auch neue Messgeräte, die laufend Daten über den Blutdruck, die Herztätigkeit oder Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge von Patienten online an das behandelnde medizinische Zentrum liefern. Mit diesem „distant management“ schreiben wir ein neues Kapitel in der Medizingeschichte. Wenn Komplikationen oder technische Probleme beim Implantat auftreten, wird der behandelnde Arzt sofort benachrichtigt. Schon jetzt werden Patienten mit schweren Herzerkrankungen permanent telemetrisch überwacht und betreut, unabhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten.

Implantate Schweiz: Ab Januar 2012 gilt die neue Spitalfinanzierung, welche u.a. die Abrechnung mit Fallpauschalen im stationären Bereich vorschreibt. Welche Auswirkungen wird dies auf die Versorgung von Herzpatienten haben?
Prof. Lüscher: Die neue Spitalfinanzierung zwingt die Ärzte in allen medizinischen Bereichen, ihre Patienten möglichst kostengünstig zu behandeln. Im optimalen Fall führt dies zu vernünftiger Medizin. Eine mögliche „Nebenwirkung“ ist jedoch, dass Patienten nicht mehr die für sie am besten geeigneten Therapien erhalten, um die Gewinnmargen zu optimieren. Die grosse Herausforderung ist, dass der Arzt nicht zum Ökonomen wird, sondern der „Anwalt“ des Patienten bleibt.

Implantate Schweiz: Als in Zürich 1977 die erste Ballonkatheter-Operation durchgeführt wurde, galt dies als Spitzenmedizin. Heutzutage zählt sie zu den häufigsten Eingriffen am Herzen. Welche Implantate-Therapien zählen heute zur Spitzenmedizin und warum?
Prof. Lüscher: Spitzenmedizin verliert immer dann diesen Status, wenn eine so bezeichnete Behandlung zur Routine geworden ist. Spitzenmedizin erneuert und verändert sich also laufend, das liegt in der Natur dieses Begriffes. Als Spitzenmedizin in meinem Bereich gelten derzeit die perkutane (durch die Haut) Implantation von Aortaklappen, der Mitralklappen-Clip, der Verschluss des Herzvorhofohrs und die Nierennervenablation (kathetherbasierte, minimalinvasive Methode zur Senkung des Blutdrucks). Wichtig ist bei spitzenmedizinischen Eingriffen, dass sie zuerst in grossen medizinischen Zentren, die viele Behandlungen durchführen, erprobt und optimiert werden. Sonst können bei solch hochkomplexen Eingriffen wie aktuell beispielsweise beim Caortis-Stenting (Behandlung der verengten grossen Halsschlagader) keine guten Resultate erreicht werden.

Implantate Schweiz: Wie profitieren die Patienten von der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und der Medizintechnik für die Forschung und Entwicklung von Implantaten?
Prof. Lüscher: Die Vorteile für die Patienten sind enorm. Gemeinsam entwickeln wir neue Methoden für Erkrankungen, die derzeit gar nicht oder nur ungenügend behandelt werden können. So werden Aortenklappen-Patienten, die über 80 Jahre alt sind und als Hochrisikopatienten gelten, nur teilweise behandelt und oftmals nur mit Medikamenten, da der Austausch der Klappen bis anhin am offenen Herzen ausgeführt werden musste, was gerade für ältere Patienten ein grosses Risiko bedeutet. Neu gelingt es jedoch, die Aortenklappen mittels einer minimalinvasiven Technik, d.h. einem Herz-Katheter, der direkt ins Herz geht, auszutauschen, ohne dass der Brustkorb geöffnet werden muss. Mit unserer Arbeit können wir zeigen, dass auch betagte Patienten von solchen implantierbaren Herzklappen sehr profitieren: Sie leben länger, geniessen eine höhere Lebensqualität und können wieder zu Fuss unterwegs sein, ohne ständig unter Atemnot zu leiden.

Implantate Schweiz: Grössere Forschungsprojekte sind ohne Drittmittel fast nicht mehr durchführbar. Wie wichtig ist der finanzielle Beitrag der medizintechnischen Industrie in Ihrem Bereich?
Prof. Lüscher: Sehr wichtig. Die finanzielle Unterstützung durch die Universität ist für unsere klinischen Forschungsgruppen relativ gering und hat in den letzten Jahren abgenommen, auch im Vergleich mit anderen Ländern wie etwa Deutschland oder England. Die Schweiz ist derzeit in der medizinischen Forschung an Universitätskliniken unterfinanziert. Ohne die Mittel der medizintechnischen und pharmazeutischen Industrie würde die klinische Forschung in der Schweiz nicht überleben.

Implantate Schweiz: International geniesst der Forschungsplatz Schweiz hohes Ansehen. Was muss gerade auch in Bezug auf die Implantate-Forschung getan werden, damit dies so bleibt?
Prof. Lüscher: Es braucht „centeres of excellence“ also medizinische Zentren mit internationalem Renommee, die entsprechend von internationalen medizintechnischen Firmen als deren Forschungs-Partner ausgesucht werden. Diese kommen ja nicht aus purer Loyalität zur Schweiz in unser Land, sondern sind an den besten medizinischen Zentren interessiert. Darum müssen die Universitätskliniken zwingend internationale Spitzenkräfte rekrutieren. Nur so können wir international an der Spitze mithalten wenn es darum geht, neue Produkte und medizinische Verfahren zu entwickeln, Erfahrungen zu sammeln sowie den Wert und den Nutzen von solchen Neuentwicklungen für die Patienten und die Gesellschaft als Ganzes zu evaluieren. Entscheidend ist auch, dass diese Zentren eine kritische Grösse aufweisen und nicht durch eine inflationäre Zentrenbildung „verdünnt“ werden, was leider in der Schweiz eine echte Bedrohung darstellt.

Kommentare

Kontaktservice Implantate-Schweiz.ch, 12-01-12 16:10:
Antwort auf die Anfrage von Claire:
Das Einsetzen einer Hüfttotalprothese dauert durchschnittlich ca. 90 Minuten, die Operationszeit ist jedoch vom Ausmass der Arthrose abhängig. Je nach Alter und generellem Gesundheitszustand sind die Patienten nach durchschnittlich fünf bis sieben Tagen in der Regel wieder soweit mobil, dass sie nach Hause entlassen werden können. Einen Aufenthalt in einer Rehabilitations-Klinik ist nur in den seltensten Fällen nötig. Je nach körperlicher Belastung kann die Arbeitstätigkeit nach vier (reine Bürotätigkeit) bis 12 (starke körperliche Tätigkeit) Wochen wieder aufgenommen werden. Genaueres wird Ihnen jedoch Ihr behandelnder Arzt sagen können.
Claire, 08-01-12 13:31:
Anfang November 2011 wurde ich am Rücken operiert wegen zu engem Spinalkanal. Anfang Januar erklärte mir mein Arzt, dass mein rechtes Hüftgelenk sehr stark mit Arthrose belastet ist und ich ein neues Hüftgelenk brauche. Wie lange dauert eine Operation? Wie lange bin ich wieder arbeitsunfähig? Mein Alter 62 weiblich und und im Verwaltungsgebiet tätig.
Kontaktservice Implantate-Schweiz.ch, 03-01-12 09:51:
Antwort auf die Anfrage von Günther:
Das Kantonsspital Bruderholz (Prof. Friederich) hat in der Nordwestschweiz einen guten Ruf bezüglich Knieoperationen.
Günther, 29-12-11 14:14:
Akkute Knieschmerzen links hauptsächlich innerhalb des Knies beim Gehen, Wandern etc. aber keine Schmerzen beim Ruhen bzw. sitzen, Stillhalten. Beim Biken sehr gering. Alter 78.
Röntgen zeigte nichs. Emery-Diagnose zeugte nicht klares Arthrose oder Meniskus. Orthopäd ist für neue Kniescheibe. Welches Spital ist spezialisiert für Knieoperationen in der Nordwestschweiz. Danke für Antwort
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