Archiv Interviews

Alle Interviews ansehen 

Das aktuelle Interview

«Je engagierter sich die Medizintechnik mit der Qualität der eigenen Produkte auseinandersetzt, desto weniger muss der Staat regulieren.»

Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis, Präsident der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit, im Gespräch über die Medizintechnik-Branche.

Implantate Schweiz: Herr Cassis, welche Bedeutung hat Ihrer Ansicht nach die Medizintechnik-Branche für die Schweiz?
Dr. med. Ignazio Cassis: Mit 2.2% des Bruttoinlandprodukts (14.1 Milliarden Franken) trägt die Branche wesentlich zu unserem Wohlstand bei. Die Medizintechnik ist nicht nur für unsere Patienten unentbehrlich, sie ist auch eine Säule für Forschung und Innovation. Zudem ist sie mit 54‘500 Beschäftigten eine wichtige Grösse unseres Arbeitsmarktes und eine boomende Exportbranche. Die Medizintechnik ist eine Perle der Schweizer Wirtschaft.

Implantate Schweiz: Die Medizintechnik-Branche setzt sich dafür ein, dass alle Patienten – ungeachtet ihres Alters oder ihrer finanziellen Möglichkeiten – das für sie am besten geeignete Implantat erhalten. Was ist Ihre Haltung zu dieser Absicht?
Dr. med. Ignazio Cassis: Grundsätzlich eine positive, mit einer Nuance jedoch. Man darf dabei nicht vergessen, dass die finanziellen Möglichkeiten der Solidargemeinschaft nicht unbegrenzt sind. Im Gesundheitsmarkt herrscht eine obligatorische Solidarität; es steht nicht allen alles zur Verfügung, sondern jedem das Seine. Damit gemeint sind die medizinische Indikation und die Berücksichtigung eines angemessenen Kosten-Nutzen-Verhältnisses (HTA-Evaluation). Die finanzielle Lage der Bevölkerung spielt wohl eine Rolle: Die Finanzierung von Implantaten darf keine Armut verursachen.

Implantate Schweiz: Mit dem Implantat-Register SIRIS engagiert sich die Medizintechnik-Branche für mehr Transparenz zu Gunsten der Patientensicherheit. Wie beurteilen Sie solche Projekte?
Dr. med. Ignazio Cassis: Sehr positiv! Je engagierter sich die Medizintechnik mit der Qualität der eigenen Produkte auseinandersetzt, desto weniger muss der Staat regulieren. Grundsätzlich erachte ich eine bottom-up Selbstregulierung wirksamer, effizienter und zielgerichteter als eine technokratische top-down Regulierung. Selbstregulierung schafft Freiheit und beweist Verantwortung.

Implantate Schweiz: Was tut die Politik aktuell, um die Attraktivität der Schweiz als innovationsfreundlichen Standort – auch für die Medizintechnik-Branche – zu erhalten?
Dr. med. Ignazio Cassis: Für mich als Vertreter einer wirtschaftsliberalen Vision muss die Politik vor allem stabile Rahmenbedingungen schaffen, die den Unternehmen so viel Freiheit wie möglich einräumen. Im Gegenzug erwarte ich von ihnen, dass sie soziale Verantwortung übernehmen. Gute Rahmenbedingungen sind für mich: politische Stabilität, Rechtssicherheit, Infrastrukturqualität, duales Bildungswesen und Exzellenz unserer Hochschulen, flexibler Arbeitsmarkt, guter Finanzplatz und faire Steuerbelastung. Konkret kämpfe ich täglich gegen die Regulierungswut und die vielen Volksinitiativen von Links und Rechts, die die Wirtschaft lähmen und die Schweiz abschotten wollen.

Implantate Schweiz: Industrieländer mit sinkenden Gesundheitsbudgets, Entwicklungsländer mit grossen Gesundheitsbedürfnissen und wenig Mitteln – wie lange kann das Hochpreisland Schweiz noch Medizintechnik für die Welt produzieren?
Dr. med. Ignazio Cassis: Die Weltmärkte sind gross genug, um hochqualitative Medtech- Produkte abzusetzen. Die Politik muss hier für gute Export-Rahmenbedingungen sorgen (Freihandelsabkommen). Aber der Preisdruck wird grösser, je näher die Postwachstumsgesellschaft rückt. Es wäre für die Branche keine gute Strategie, kurzfristig maximale Gewinne anzustreben und die Gesundheitssysteme aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie würde den Ast absägen, auf dem sie sitzt. Innovation ist hingegen gefragt: Dadurch sollen gute und preiswerte Produkte entstehen.

Implantate Schweiz: Die gesetzlichen Anpassungen der Schweiz an die europäischen Neuregulierungen für Medizinprodukte (MDR) und In-vitro-Diagnostika (IVDR) werden für viele KMU eine gewaltige Hürde darstellen. Glauben Sie, dass diese massiven Regelwerke wirklich einen Mehrwert an Patientensicherheit bringen, oder behindern sie vor allem Forschung und Innovation?
Dr. med. Ignazio Cassis: Diese Regelwerke bringen selten Mehrwert für die Patientensicherheit: Sie verursachen aber immer Bürokratie und Mehrkosten. Für die Patienten wahrlich kein gutes Geschäft! Sie schützen aber Beamten und Politiker. Die Regulierung will Marktversagen verhindern oder korrigieren. Je weniger Vertrauen in die Selbstregulierung der Branche, desto mehr staatliche Regulierung, gemäss dem Motto „Transparenz“! Und ihr folgt die immer gleiche Massnahme: formellere Verfahren mit zusätzlichen Schikanen. So auch im Gesundheitswesen. Vertrauen wird mit Verfahren ersetzt. Dieser Teufelskreis muss um jeden Preis mit guter Selbstregulierung und vertrauensbildenden Massnahmen bekämpft werden. Nur so vermeidet man schädliche EU-Richtlinien und entsprechende Schweizer Normen. Nur so bleiben die Unternehmungen frei und ihr Handlungsspielraum gross.

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.

*
*
 
TYPO3 Agentur